Grenzen

Es ist 5 Uhr morgens, ich bin seit 3 Uhr wach. Etwas hält mich wach, trotz Erschöpfung.

Je weniger im Aussen zu tun ist – kein Job, keinerlei Pflichten oder Verabredungen  – desto mehr zeigt sich im Innern. Desto mehr drückt und zieht es; das, was in der alltäglichen Routine keine Zeit hat sich zu zeigen.

Indien bringt mich an meine Grenzen – ohne genau sagen zu können an welche Grenzen. An alle meine Grenzen vielleicht. Ich befinde mich in einem Feld der Wahrheit, der Ehrlichkeit – immer noch mit dem Wunsch meine Augen zu verschliessen und gleichzeitig ohne jede Möglichkeit weiterzuschlafen.

Da sind Grenzen in uns, selbsterschaffen, erdacht und erfunden, die, wenn wir an sie stossen – ja sie überhaupt erst einmal als solche in uns erkennen – unumstösslich scheinen. Und trotzdem ist es unser Wunsch, bewusst oder unbewusst, sie zu sprengen.

Diese Grenzen, die entstehen, wenn wir nicht ganz ehrlich zu uns selbst sind, wenn wir Nein sagen, aber nicht ganz, nicht aufrichtig und aus voller Kraft. Die Grenzen, die sich verhärten, wenn wir Ja sagen, nicht aus unserem Herzen, sondern weil wir uns Sicherheit wünschen oder diese aufrecht erhalten wollen. Nett sein wollen, geliebt und anerkannt.

Durch diese Lügen, Kompromisse und Unaufrichtigkeiten, entstehen Mauern, die uns scheinbar Sicherheit geben, uns aber gleichzeitig vom Leben trennen, von den Menschen und vor allem von uns selbst; von unserer Kraft, lebendig, stark, ehrlich und aufrichtig.

Ich wohne bei einem „Baba“, hier in einem Dorf in den indischen Bergen. Eine Art Dorf-Guru, den alle um Rat fragen und sich vor ihm verneigen. Ich wohne bei seiner Familie und trotzdem fragt er mich jeden zweiten Tag, ob er auf mein Zimmer kommen darf. Er will mir meine gesamte Reise finanzieren und mich in der Schweiz unterstützen. Undsoweiter. Trotz anfänglicher Anziehung zwischen uns, die sich langsam in Abneigung wandelt, sage ich immer wieder Nein. Aber es ist ein farbloses Nein, ein bisschen durchsichtig und fadenscheinig. Es kommt nicht aus meinem Bauch, nicht aus meinen Beinen, verwurzelt mit Mutter Erde. Es ist durchtränkt mit dem Wunsch und der Freude der Anerkennung und den Annehmlichkeiten, die mir dieser Kontakt hier verschafft.

Dann gibt es diesen Mann in einer Hütte im Wald, den ich jeden Tag zum Tee treffe. Dieser so aufrichtige und feine Mensch, der meine Grenzen akzeptiert, mein Nein hört. Aber auch dieses Nein ist bei genauer Betrachtung kein vollständiges Nein, sondern eines mit Hintertürchen, das mir Sicherheit und Nähe verspricht.

Wenn wir leise werden und uns selbst zuhören lernen, ehrlich und tief, wenn wir hören, sehen, fühlen, was wir wirklich wollen und brauchen und was tatsächlich da ist, dann würde das oft bedeuten, Altbekanntes mit all seinen Annehmlichkeiten aufzugeben. Unsere Komfortzone zu verlassen. Uns in die Ungewissheit fallen zu lassen, ohne zu wissen, was kommen wird. Es würde nicht selten bedeuten, unseren Job aufzugeben, den Wohnort zu wechseln, oder unsere Partner zu verlassen. Es würde bedeuten, unangenehm zu sein, aufrichtig-wütend und auch mal laut. Oder einfach bestimmt und ehrlich.

Wenn wir ein Nein aussprechen – und ein Ja zu uns selbst – dann kann das bedeuten, dass wir alleine dastehen, nur mit uns selbst. Ohne diese Sicherheit, die mehr Schein ist als etwas anderes, aber immerhin etwas ist, an das wir uns halten können, in diesem Leben, in dem alles immer möglich ist.

„Man muss Kompromisse machen im Leben!“, wird uns von Kind an gesagt. Aber das stimmt nicht. Es ist eine Lüge, die wir uns weiterhin selbst erzählen, aus Angst, voll und ganz unseren Weg zu gehen, mit dem Risiko alles zu verlieren, zu scheitern, alleine dazustehen, nichts mehr zu wissen.

Aber es ist ein Weg der Wahrheit und wirklicher Freiheit. Und ein Weg der Ehrlichkeit, uns selbst, unseren Mitmenschen und dem Leben gegenüber, das wir nur vollständig und tief leben können, wenn wir ehrlich zu uns selbst sind und ganz ganz ganz genau hinschauen, in jede Nische unserer Seele, unser Leben durchleuchten und auch die kleinsten Lügen ans Licht bringen, diese dunklen Flecken, die uns von uns selbst trennen, das, was wir seit Jahren unter den Teppich kehren oder immer wieder in neuer Form wiederholen. Das ist halt so. Das ist nicht so schlimm. Das kann ich eh nicht ändern.

Wir haben Angst das Gefühl zu fühlen, das sich zeigen würde, wenn wir ehrlich wären. Angst vor dem Alleinsein, Angst vor der Veränderung, Angst vor der Ungewissheit und schlussendlich Angst vor unserer Kraft, die sich nur dann zeigt, wenn wir mutig und aufrichtig-aufrecht unseren Weg gehen, ohne zu wissen, wohin er uns führt. Wenn wir ehrlich sind, in allen Bereichen unseres Lebens, bei der Arbeit, in der Partnerschaft, mit Freunden, wenn wir uns selbst zuhören lernen. Dem Leben, das wir leben jeden Tag mit einer Wachheit begegnen und mit dem Wunsch der Ehrlichkeit uns selbst gegenüber.

Nur dann können diese Grenzen, in denen wir uns selbst – in denen sich unser gesamtes Leben bewegt – schwinden und der Weite Platz machen, die das Leben ist. Nur dann können sich neue Möglichkeiten zeigen, andere Wege offenbaren, und eine tiefe Liebe und Sicherheit ausbreiten, die nicht an Äusserlichkeiten gebunden, sondern nur in uns selbst zu finden ist.
Was wünschst du dir? Wie willst du arbeiten, leben, wie lieben und geliebt werden? Und was lebst du tatsächlich?

 

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Text: Vashisht, Indien / Juni 2018

Bild: Chennai, Indien / April 2018

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