Waldgeschichten

Ich stecke fest. Ich weiss nicht, wohin mich meine Reise weiterführen will. Also bleibe ich.
Mein mind bringt immer wieder Vorschläge: Yogaausbildung II, Reiki, neue Orte, weitere Abenteuer. Aber ich kann mich nicht bewegen. Noch nicht. Also bleibe ich. In einem Dorf in den Bergen Indiens.
Ich gehe täglich in den Wald. Steil geht es bergauf, Höhlen, Tannen, Moos, feuchte Erde. Wie in der Schweiz, aber mit weniger Menschen. Ich gehe schnell und dann wieder im Schneckentempo. Meist barfuss. Ich rede mit den Bäumen, ich sammle Steine und Federn. So wie ich es als Kind gemacht habe. Ich weine viel. Als würde die warme Erde ein Tor der Erinnerung öffnen; bilderlos, dafür gefühlvoll, bevölkert von ungefühlten Energien, die mich durchfluten. Manchmal erscheint schüchtern eine leise Freude und eine unbändige Lebendigkeit. Ich atme, ein, aus, ein.
Ich setze mich, gehe weiter.
Nothing to do. Manchmal bringt diese Ungewissheit Verzweiflung mit sich, ein tiefes Gefühl der Sinnlosigkeit. Man muss doch wissen und wollen und machen! Dann betrachte ich die Bäume, wie sie einfach da stehen und langsam aber stetig in die Höhe wachsen. Nothing to do, scheinen auch sie zu flüstern.
Einmal hat mir ein Mann aufgelauert. I want to fuck you, sagte er. Jetzt weiss ich, was es heisst, Panik zu haben. Ich dachte meine Beine versagen, bevor ich losgerannt bin. Bis ich gestürzt bin, mir die Arme aufgerissen habe und auf meine einzigen Jeans geblutet habe. Rote Punkte auf himmelblauem Untergrund. Sieht irgendwie schön aus, habe ich gedacht, bevor ich mich versteckt habe.
Ich gehe weiterhin in den Wald. Ich entdecke hier meine Freiheit wieder, als Frau, als Mensch, der so lange in Gefangenschaft gelebt hat, in Abhängigkeit von Männern, von Glaubenssätzen, von Konditionen. Immer noch, aber weniger ernsthaft-dicht, nicht mehr bedrohlich-eng. Das will ich mir nicht nehmen lassen.
Also gehe weiterhin in den Wald. Und danach zum Tee, zu einem wunderbaren Mann, der ein kleines Café selbstgezimmert hat, das ihm gleichzeitig als Zuhause dient. Kein fliessendes Wasser, keine Elektrizität. Dafür Sterne, Wolken, Sonne, Einsamkeit und immer wieder mal Besuch. Ich zeige ihm meine Waldschätze und er mir seine Findeldinge, die er bei seinen Waldrundgängen auf der Suche nach einem Kraut, das er „mountain tea“ nennt, täglich neu entdeckt.
I like you, sagt er. Und ich: can we just be friends? Wer weiss, ob das klappt. Aber ich mag das Alleinsein gerade sehr. Ich mag es und ich mag es nicht. Dieses Alleinsein, das kein Alleinsein ist, sondern eher ein Sein mit allem, auch mit dem Unangenehmen, das man sich sein Leben lang wegwünscht – oder wegtrinkt, wegisst, wegdenkt.
Ich liebe den Wald. Diese Nähe, die so nah ist, das ich manchmal das Gefühl habe, selbst Wald zu sein, so wie damals auf meiner ersten Ayahuasca-Reise, als ich ganz Baum war, bewegungslos-still und trotzdem so lebendig-wach.
Ich weiss nicht, wohin ich gehen soll. Also bleibe ich. Noch ein paar Tage oder Wochen länger, in diesem Wald, in diesem Dorf, mit den Bäumen und den vielen Männern – und mit mir selbst, die ich immer wieder neu entdecke; liebend, ängstlich, unsicher, gefühlvoll und auch immer wieder mal gefühllos.
Immer wieder neu und so bewegt. Und doch – scheinbar gleichzeitig – unbeweglich still, so wie die Tannen, die nichts anderes zu tun zu haben scheinen, als langsam aber stetig in die Höhe zu wachsen.
Immer dem Licht entgegen.
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Text: Vashisht, Indien / Juni 2018
Bild: Vashisht, Indien / Juni 2018