Pflänzchen

Diese wunderbare, berührende Nachricht (und meine etwas hilflose Antwort) will ich gerne teilen…
 
Liebe Lia
 
Wenn ich Deine Texte lese, dann spüre ich so oft das Gleiche!
Das gleiche in einer anderen Welt. Diese Unsicherheit. Das verloren sein. Das nicht Entscheiden können, weil alles sein kann und darf. Vielleicht ist es auch etwas dreist von mir. Ich möchte mich nicht vergleichen und vielleicht sehe ich nur das eine in Dir. In Deinen Texten spiegelt sich das unsichere, verlorene oft in meiner Interpretation. Dich als Mensch zu erleben in der kurzen Zeit, hat mir eine junge und sehr weise Frau gezeigt. Mit viel Gefühl und Ahnung vom tiefen Ozean in uns….
 
Und doch lebe ich hier in einem Leben, wo ich anders sein muss. Es ist gefragt, zu funktionieren. Sich durch das Leben zu preschen. Sich Platz zu machen. Produktiv zu sein. Das Maximum heraus holen. Klare Entscheidungen zu treffen. Sich zu nehmen, was man will. Alles ist in deiner Hand ist der Slogan.
 
Aber was ist, wenn man nicht wirklich weiss, was man möchte. Wenn man nicht eher das feine unscheinbare (Un-)Kräutchen ist zwischen den starken Blumen. Oder dem noch stärkerem Unkraut. Wenn man nur weiss, wo man nicht hingehört. Noch nicht gefunden hat, wo es einfach nur stimmt. Wenn alle Argumente gut sind. Wenn es kein dafür oder dagegen gibt?
 
Aber ich darf nicht so sein. Ich muss mich an das Oberflächliche klammern. Festhalten, damit ich hier nicht untergehe. Und so versuche ich mich fernzuhalten vom grossen weiten Ozean in meiner Tiefe und lasse mich mitziehen von der Gesellschaft, wie sie funktioniert.
 
Ich habe Angst vorm Ertrinken, wenn ich mich wie du auf den Tauchgang begebe.
Braucht es nicht eine ungeheure Kraft unten und oben zu Leben? Soll man sich besser nur oberhalb des Wassers an der Sonne aufhalten?
 
Was macht es aus, dass andere funktionieren.. Einfach an der Sonne stehen! In die Höhe. Und sie scheinen gross und prächtig. Sicher und stark. Nähren sich trotzdem vom Wasser in der Tiefe…
 
Oder gibt es auch Kartoffeln, Karotten, etc. die ihre Frucht unter der Erde horten?
Oder seltene Schönheiten, die leckere Knollen und wunderschöne starke Blumen produzieren.? Dalien….
 
Ja. Wenn ich es so sehe, dann wären wir einfach eine andere Art. Und jede Blume ist, wie sie ist. Aber welche Art bin ich? Ja, so bin ich….ich weiss es nicht….
 
…………….
 
du liebe … ich danke dir für deine Worte… sie berühren mich sehr… und ich weiss gar nicht recht, was ich dir antworten soll… du bist so eine feine, eine tiefe frau, die so viel wahrnimmt, so viel fühlen und sehen kann… aber es fällt so schwer, genau dies als „qualität“, vielleicht sogar als „gabe“ anzuerkennen – als das, was dich ausmacht – neben vielen anderen aspekten…. aber das unsichere, das zart-feine und das unentschlossene, es hat keinen platz in unserer gesellschaft und so geben wir selbst genau dem keinen platz in uns… dem feinen, dem offenen, dem (mit)fühlenden, dem ruhigen…. dem, was man vielleicht weiblich nennen könnte, aber ich will keine definitionen verwenden… und weil es aus unserer gesellschaft verbannt wurde, haben auch wir alles, was nicht „schön“ und stark und effizient ist in uns verbannt… wir wollen es nicht haben, nicht in und auch nicht um uns… und wir verleugnen und wir bekämpfen uns und alle/s, was uns an diesen teil in uns erinnert …. aber es ist so kostbar und so schön, so geheimnisvoll und vor allem ehrlich, echt und menschlich …
 
weisst du, ich sitze oft hier auf einer dachterrasse, trinke chai und betrachte die vorbeigehenden menschen… und ich sehe das, was du beschreibst in allen von uns… wir alle tragen das unsichere, das verletzliche, die angst und den schmerz in uns…. auch die starken, schönen, grossen unter uns… manche mehr, manche weniger… aber wir alle, wollen das nicht (in uns) sehen, und auch im gegenüber macht uns genau dies angst… und wir wenden uns ab, von uns selbst und von denen, die uns an unsere unsicherheit, an das feine, kleine erinnern könnte…. wir tragen uns so gerne zur schau, erzählen unsere geschichte/n, imponieren, vertuschen, verstecken. Verleugnen. Uns selbst.
 
Glaube ihnen nicht, wenn sie sich nur stark und schön und gut zeigen. Wir alle sind alles und manch eine/r hat in meinem wohnzimmer – bei einer pflanzen-session – seine traurigkeit entdeckt, ist der schwere begegnet – nicht um sich ihrer entledigen zu müssen, sondern um auch dies als teil unserer menschlichkeit zu umarmen.
 
Ja, es gibt so viele unterschiedliche pflanzen, so wie jeder mensch anders ist. Warum haben die pflanzen kein problem damit, dass die eine gross ist und die andere scheinbar unscheinbar klein? Sie werten nicht, sie wissen, das kleine ist nicht schlecht(er) und gross nicht gleich stark. Sie wissen um ihre einzigartigkeit, die immer perfekt ist.
 
Wir menschen … wir wollen immer nur stark sein. Immer nur schön und gut – oder besser gesagt, das, was wir darunter verstehen, das, was irgendwann einmal als stark und gut und schön definiert wurde und somit die vielheit, die wir sind, verleugnet und diskriminiert hat.
 
Ich möchte das feine, das zarte, das unsichere in mir nicht missen. Es macht mich empfänlich für das, was sich dem auge entzieht und bringt mich näher zu mir selbst.
Es macht menschlich.
 
Weisst du … seit ein paar tagen spüre ich eine grosse freude in mir, eine fröhlichkeit. Ich lache oft über so vieles, gehe aus, lasse mich einladen. Und ich merke, wie genau das gemocht wird, wie wir menschen genau dies wollen. Das helle, das offene, das lachen, das schöne. Ich geniesse es. Die männer nennen mich attraktiv und anziehend (und trotzdem spüre ich nicht den wunsch mich auf jemanden einzulassen, sondern weiss um die kostbarkeit im moment mit mir selbst zu sein, ganz nah bei mir). Und dann, heute morgen kam die traurigkeit auf besuch, unerwartet, und ich habe lange geweint. Ich bin nicht traurig über dies oder das, aber ich kenne die traurigkeit als energie, die mich immer wieder mal besucht. Und ich versuche ihr eine gute gastgeberin zu sein. Das fällt mir nicht immer leicht. Und ich weiss, die männer, mit denen ich heute abend zum konzert gehe, würden sich vor meiner traurigkeit fürchten, so wie sie sich vor ihrer eigenen traurigkeit fürchten und so, wie auch ich mich immer wieder vor ihr ängstige. Mein Ex-Freund hat gesagt, das alles, ich sei ihm zu tief, zu intensiv. Wir wollen immer nur das helle, das scheinbar starke sehen und fühlen und haben. Aber ist es nicht auch eine stärke sich dem zarten, dem unscheinbar kleinen zuzuwenden? Der Angst, der Traurigkeit, dem Schmerz, der genauso teil des menschseins ist, wie das laute, das lachende, das offene? Alles ist teil vom ganzen, aber irgendwann einmal haben wir angefangen, das eine auszuschliessen und nur das andere zu wollen, zu akzeptieren und als erstrebens- und liebenswert zu betrachten.
 
Jeder von uns ist einzigartig. Wir alle fühlen tief. Und wir alle haben angst vor der tiefe, vor dem fühlen. Manche können sich besser an der oberfläche aufhalten, sich dort einrichten und sich vor der tiefe, die das leben ausmacht fernhalten. Und es gibt die unter uns, die feinen, die offenen, die scheinbar „kleinen“, die ganz viel wahrnehmen können, sehen und fühlen. In sich selbst und in den anderen. Es wird ihnen nicht leicht gemacht. Oft ist es zu viel. Zu nah, zu tief. Und durch diese nähe und tiefe zu sich selbst und zu den anderen – zum leben – haben sie das gefühl, nicht zu wissen, wer sie sind und was sie wollen. Es ist zu viel. Und zu nah. Und in dieser nähe zu alle/m, können sie manchmal sich selbst nicht sehen und fühlen, glauben zu ertrinken, in der vielheit in und um sich und nicht gut genug zu sein.
 
Du liebe, ich habe dich als starke, tiefe, ehrliche frau erlebt. Ich habe grosse achtung vor dir und vor dem, was du alles „unter einen hut“ bringen musst und kannst. Ich weiss, dass du dies vielleicht selbst nicht sehen kannst. Aber ich habe dich gesehen und ich habe dich gefühlt. Und du hast mich sehr berührt. Und ich danke dir für diese berührung. Nicht alle können tief berühren. Es ist eine gabe, die nur in unseren köpfen als unscheinbar abgestempelt wird. Als nicht effizient 😉
 
Ich wünsche dir und mir und uns allen, dass wir die angst vor dem fühlen verlieren, die angst vor der tiefe in und um uns und vor all dem, was dort, in der tiefe in der nähe, auf uns wartet.
 
… und… lass uns den humor nicht vergessen… lass uns immer wieder lachen… über alles, über uns, über das leben – das immer alles ist und sein darf …
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Text: Vashisht, Indien / Juli 2018
Bild: Peru / ?

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