Auf der Spitze des Eisberges – leben wir wirklich?

Wir geben uns mit ganz ganz wenig zufrieden.
Mit den Brotkrummen, mit dem Aufgewärmten, mit dem von Gestern.
Wir befinden uns auf der Spitze des Eisberges. Und dort richten wir uns ein. Mit unseren Konzepten vom Leben. Mit unseren Vorstellungen. Mit dem Gelernten und Gewussten.

Wir haben ganz wenig vom Leben und sagen dann, ist das nicht schön?!

Wir leben an der Oberfläche von dem, was möglich ist. Immer ein bisschen im Nebel, meist etwas gedämpft. Wie durch einen Schleier betrachten wir die Welt und wenn wir in den Spiegel schauen, dann erkennen wir uns nur, weil uns irgendjemand mal gesagt hat: das bist du.

Wir wissen nicht, wer wir sind. Haben unsere Vorstellungen von uns selbst und von der Welt. Einen Schritt nach dem anderen setzen wir täglich auf dieser Erde, ohne zu spüren, dass wir leben. Nicht wirklich.

Viele von uns sind glücklich. Andere sind unglücklich. Aber die meisten von uns – glücklich oder unglücklich – leben nicht wirklich.

Dies ist eine unglaubliche Behauptung, die sich heute, an diesem regenreichen Tag in Indien, eingeschlichen hat.

Und jetzt also, nach dem Yoga, beim Frühstück, flüstert das Leben: Schau dich einmal um. Schau in die Gesichter, in die Augen der Menschen. Sieh dir selbst in die Augen. Höre den Menschen zu, was sie sagen. Beobachte, wie ihr lebt. Achte auf den Klang des Lachens. Spüre die Energie der Menschen. Schau dich doch einmal um. Und sag mir dann, wie ihr dieses Leben lebt, das euch geschenkt wurde.

Bitte. Es geht nicht um mich, oder um gut oder schlecht gehen, um glücklich oder unglücklich sein, es geht ums Leben. Um Lebendigkeit.

Wir glauben, es gehe im Leben um`s Gut oder Schlecht gehen, um Glück oder Unglück. Und wenn wir glücklich sind, sind wir erleichtert und wenn es uns schlecht geht, wollen wir es anders haben. Und so sind wir damit beschäftigt das Glück zu jagen und Unglück zu vermeiden. Uns selbst (und andere) bei guter Laune und unsere Körper jugendlich-fit zu halten. Uns einzurichten, in einem Leben, in dem es uns gut geht.

Aber ist das Leben?, fragt mich das Leben heute.

Spürt ihr den Boden unter euren Füssen und merkt ihr den Unterschied, ob ihr auf Asphalt geht oder im feuchten Morast?
Seid ihr berührt, wenn jemand bitterlich weint, oder senkt ihr nur beschämt den Kopf und fragt mitleidig, geht es dir nicht gut? – nur um nicht mit der eigenen Traurigkeit in Berührung zu kommen?
Lacht ihr laut und ehrlich, oder verstohlen, verkrampft?
Zeigt ihr Zähne und ballt eure Fäuste, dann wenn Unrecht geschieht? Oder schämt ihr euch eurer Wut und greift zu einem weiteren Becher Bier?
Hört ihr zu, wenn euer Herz euch ruft, oder folgt ihr der Stimme im Kopf, die sagt, es ist doch alles gut oder zumindest nicht so schlimm?
Spürt ihr Leidenschaft, dann wenn eure Körper berührt werden? Lasst ihr euch fallen, oder erinnert ihr euch nur daran, wie Sex sein soll, ohne wirklich dabei zu sein?

Seid ihr wirklich dabei, dann, wenn ihr lebt? Mit Haut und Haar, in guten und in schlechten Zeiten, alleine oder in Partnerschaft, aber immer mit euch selbst – hier und jetzt?

Ich frage mich heute: Drehen wir uns alle nicht meist ein bisschen weg; von uns selbst und vom Leben? Weil wir es uns so gewohnt sind vielleicht, oder aus Angst vor der Unsicherheit, die in den Tiefen unserer Selbst Wellen schlägt.

Alles ist möglich und nichts ist sicher, steht auf meinem Nacken und diese Unsicherheit, in der die Überraschungen geboren werden, triefend vor leidenschaftlicher Lebendigkeit, die tauschen wir so gerne ein, gegen das, was wir kennen, gegen ein Leben an der Oberfläche unserer Selbst.

Ja, ich will mehr als das kleine Glück, mehr als dieses Leben, das alle vor uns gelebt haben, mehr als dieses „Das ist halt so und lässt sich nicht ändern“. Ja, ich will mehr, und dieses Mehr ist nicht ein „Noch mehr“, kein „Ich muss noch“, kein weiteres Abenteuer, sondern es ist ein Mehr, das dem innewohnt, was bereits da ist, hier und jetzt. Es ist ein tiefes Mehr dessen, was hier ist.

Es geht darum das, was hier ist, wirklich zu leben, zu erfahren, zu spüren. Sich fallenzulassen, ins Glück oder Unglücklichsein, um zu schauen, was dahinter steckt, um zu erfahren, was sein will.

Es ist ein leidenschaftlicher Weg der Bereitschaft tief in`s Leben einzutauchen – ein commitment, wirklich leben zu wollen und auch das Nichtleben-wollen in Gänze zu durchleben.

Ein Ja zum Leben, in seiner Buntheit und Wildheit und in seiner Schwärze und: ein Ja zur Ehrlichkeit, immer gewillt Kompromisse zu beenden, (eigene) Lügen zu durchschauen, Fesseln zu durchbrechen und das Leben zu leben, das gelebt werden will und nicht dieses Leben, in dem wir uns eingerichtet haben. Auf der Spitze des Eisberges.

 

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Text: Vashisht, Indien / Juli 2018
Bild: Kandy, Sri Lanka / März 2018

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