Leerzeiten

In Indien habe ich begonnen, immer montags einen „Leerzeiten-Tag“ einzubauen – meinen Moon-Day – einen Tag nur mit mir, alleine und mit sonst nichts und niemandem. Und zurück in Zürich, da wird mir bewusst, wie schwierig es ist, hier einen Tag des Nichts-Tuns bewusst zu wählen und dass, wenn man gewillt ist, sich einen Tag frei zu nehmen, von absolut allen und allem, man diesen Tag mit aller Kraft verteidigen muss.

Wir werden um unser Leben betrogen“, meinte ein Freund gestern und diese Worte hallen immer noch in mir nach. Wir leben für ein Später und für ein Nachher. „Nach der Ausbildung, nach der Arbeit, morgen dann und nächste Woche.“ Und wir bemerken kaum noch, dass dieses Später und Nachher meist nie kommt und auch gar nicht wirklich existiert.

Es gibt diesen einen Moment, einen Moment der Wahl, was wir tun wollen mit unserer Zeit, die wir einen Grossteil unseres Lebens in Arbeit investieren, in Mails beantworten und in meetings und dazwischen schieben wir unsere Verabredungen, unsere Frei-Zeit, die uns verschwindend kurz zwischen den Fingern zerrinnt.

Man kann immer noch mehr. Noch mehr Arbeiten, weil man immer noch mehr Geld gebrauchen kann. Noch mehr Dinge tun, hier und da Menschen treffen. Und in diesem Mehr und Mehr verlieren wir uns und am Abend wissen wir vielleicht noch unseren Namen, aber wir merken kaum noch, wie sich unser Körper anfühlt, wie es unserem Gegenüber wohl geht, was wir gerne tun und welche Menschen wir gerne treffen würden, aber einfach keine Zeit dafür finden.

Heute habe ich es geschafft und ich gönne mir einen „leeren Tag“, voll mit mir und allem, was sich zeigen mag. Ich habe ein Arbeitsangebot ausgeschlagen und das obwohl ich kein Geld habe – und mit kein Geld meine ich kein Geld, auch keines auf irgendeinem Sparkonto für „schlechte Zeiten“.

An leeren Tagen, voll von Dingen, Gefühlen und Sehnsüchten, schlafe ich lange und träume viel. Ich esse oft nichts, oder nur Früchte, Saft oder Gemüse – eine Pause, auch für meinen Körper. Ich lege mich auf den Rücken und spüre, wie sich mein Körper schwer auf dem Boden ausbreitet. Ich tanze. Ich lese ein paar Seiten und leg mich wieder hin. Ich atme.

Und die leeren Tage, die sind nicht nur schön. „Ich will auch und wenn ich nur könnte“, sagen wir gerne im Neid. Aber wenn sich im Nichts-Tun, unbekannt-ungefühlte Gefühle bemerkbar machen, eine Leere, die Sinnlosigkeit oder leise Angst, dann gehen wir gerne freiwillig zur Arbeit und treffen danach Freunde, schimpfen über die Härte des Arbeitsalltages und freuen uns auf unsere zwei Wochen Ferien, zweimal im Jahr.

Ich kann eben nicht, ich habe keine Zeit, später-später und morgen vielleicht“, sagen wir dann und weiter geht`s, im Kreis, alleine und doch mit den vielen, die wie wir alle einem Nachher hinterherjagen, diesem Später-dann, das so oft doch nie kommt.

Heute habe ich es geschafft und mir einen Leer-Tag eingeräumt. Keine Verabredungen, keine Arbeit, keine Mails. Ich liege auf dem Boden und betrachte meine Füsse und schaue der Kerze beim Brennen zu. Ich beobachte eine stille Trauer, die sich ihre Wege in mir bahnt, ich bemerke den Impuls, doch noch etwas „Sinnvolles“ tun zu wollen und meinen Mind, der sich durch Reden, Essen – und Schreiben 😉 – ablenken will.

Ich fühle die leise Schuld, an einem arbeitsreichen Montag hier zu liegen und die Freude, es trotzdem zu tun; diese süsse Freude all das zu tun, was ich tun will, aber auch dies nicht tun zu müssen.

Wir müssen so viel und es ist gut und schön vieles zu tun, Arbeit ist wichtig und manchmal erfüllend. Und trotzdem sollten wir nicht vergessen Pausen einzubauen, in denen wir bewusst atmen und spüren, was das Leben jetzt von uns will, fühlen, was gefühlt und gelebt werden will – Pausen der Stille und des Nichts-Tuns, in denen sich alles zeigen darf, was in diesem Alltag – schnell und effizient – einfach keinen Platz hat.

 

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