Müdigkeit

So viele Menschen erzählen von ihrer Müdigkeit und es gibt andere, die nicht davon reden, aber alles an und in ihnen spricht von ihr; der Müdigkeit.
 
Viele wehren sich dagegen, müde zu sein. „Geht schon, macht nichts, morgen dann bin ich wieder … fit, bereit, aktiv“. Aktiv sein, in allen Bereichen des Lebens, beruflich, sportlich und ja, auch spirituell, so sind wir konditioniert. Man muss doch, man soll doch – und weiter gehts.
 
Es ist ein sehr männliches Konzept und dieses Denken, das unseren Lebensrhythmus so lange bestimmt hat und immer noch bestimmend ist, sitzt tief in jeder Zelle.
 
Vor allem müde Frauen kreuzen meinen Weg. Und auch ich kenne die Müdigkeit nur zu gut. Und meinen Widerstand dagegen.
 
Vielleicht ist es die Angst sich sinken zu lassen, tief in die Müdigkeit; die Angst nie mehr zurückzufinden und für immer müde zu bleiben, wenn wir ihr Raum geben, der Müdigkeit.
 
Aber die Müdigkeit, sie hat viel zu erzählen. Sie ruft uns an vollbepackten Tagen, sie lockt uns und manchmal, wenn wir einfach nicht hören wollen, dann streckt sie uns nieder, legt uns ins Bett, mit Grippe, mit Rückenschmerzen, so dass wir nicht mehr können, ob wir wollen oder nicht.
 
Müdigkeit ist eine alte, weise Frau. Sie sitzt in uns, die Ruhe selbst, sie betrachtet und beobachtet ohne zu werten, sie hat die Augen geschlossen und ist trotzdem hellwach. Sie hat uns viel zu lehren; über die Zyklen des Lebens, über die Rhythmen der Atmung, über die Geheimnisse, die in uns schlummern und die auch, aber nicht nur da draussen gefunden werden können. Sie liegen auch in uns – weil das Leben und wir nicht getrennt sind.
 
Aber wir wissen nicht und wir haben vergessen und rennen so oft, so lange umher, auf der Suche nach Erfolg, nach Liebe, nach Antworten; wir versuchen optimal die Zeit zu nutzen und etwas zu erreichen, beruflich oder spirituell, in Beziehungen mit uns selbst und mit anderen.
 
Und dabei vergessen wir. Zu hören. Auf uns selbst. Auf Grossmutter Müdigkeit, die sanft aber beständig nach uns ruft und sagt: Es ist genug. Genug gemacht, gewollt, versucht, gekämpft. Es ist genug.
 
Es kommt die Zeit, in der die Welt wieder auf sie hören wird. Und auf die, die ihr folgen. Der Stimme, die uns nach innen ruft. Nach Hause. Auf das Weiblich-Alte, das es zu erforschen gilt, zurück zu erobern, das Langsam-Weiche, das Offen-Empfägliche.
 
Und ich spreche nicht von der Müdigkeit, die unser Verstand uns manchmal vorgaukelt. Die Stimme, die sagt, es ist zu viel, du musst alleine sein. Die Stimme, von der ich spreche, kommt von einem ortlosen Ort tiefer in uns und sie rät uns nie davon ab, tief ins Leben einzutauchen und freudig-offen alle Aktivitäten zu geniessen.
 
Aber sie flüstert sanft nicht zu viel zu wollen, uns nicht in diesem Strudel kapitalistisch-patriarchalischer Optimierungsideen zu verlieren. Sie lädt uns ein, uns fallenzulassen in uns selbst und aufgefangen zu werden, von der Müdigkeit, die uns sanft umschlingt, die uns führt; zur Ruhe lädt und zur Stille mahnt; einer Stille, die uns frisch und energetisch, offen und bereit immer wieder ins Leben eintauchen lässt.
Text: Zürich / Januar 2019
Bild: Sri Lanka / März 2018
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