Psychopharmaka

Per Zufall bin ich heute auf ein Foto gestossen von einer Frau, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe. Augenblicklich bin ich in Tränen ausgebrochen, etwas in mir wurde tief berührt und erschüttert. Ich wusste, dass es dieser Frau nicht gut geht und dass sie in Therapie ist, dass sie Medikamente bekommt. Aber was ich gesehen und gespürt habe, übertraf meine Vorstellungskraft.

Nichts mehr erinnerte mich an die Frau, die ich vor vielleicht zwei Jahren gesehen habe. Sie wirkte wie ein komplett anderer Mensch. Nicht nur der körperliche Aspekt – aufgedunsen, um Jahre gealtert – ich fand sie nicht mehr in diesem Bild, nichts erinnerte mich an die Frau, die ich kannte.

Ich erinnere mich an diese kurze Zeit, in der auch ich Psychopharmaka verschrieben bekommen habe. (Wollen sie noch etwas zur Beruhigung, oder etwas Antreibendes? – Als würde es sich um Bonbons handeln!) Die verschriebenen Medikamente halfen mir auch tatsächlich beim Einschlafen (es gab Zeiten, da habe ich über Monate nur 3,4 Stunden pro Nacht geschlafen), sie halfen mir bei der Arbeit – sie halfen mir zu funktionieren in einer Gesellschaft, die ihren Teil zu meinem „Kranksein“ beigetragen hat. Es ist für mich absurd, dass gerade dieses System, an dem so viele erkranken, versucht genau diese Menschen wieder zu heilen – beziehungsweise wieder funktionstätig zu machen. Was auch gelingen mag.

Aber wo bleibt der Mensch?

Damals habe ich meine Medikamente abgesetzt – ich fühlte mich in allen Lebensbereichen gedämpft, funktionstüchtig ja, aber leblos-leer. Ich bin zu meiner ersten Reise aufgebrochen, mit Meditation, Schamanismus in Berührung gekommen, ich habe Ayahuasca getrunken, Yoga gemacht. Ich habe neben den Psychopharmaka auch das Kortison abgesetzt, das ich gegen mein Asthma genommen habe und das ich laut den Ärzten mein Leben lang nehmen müsste. Nichts mehr nehme ich – und das Asthma konnte zur Überraschung der Ärzten nicht mehr nachgewiesen werden.

Ich sage nicht, dass ich nun heil-gesund-und-immer-glücklich bin. Ich sage nicht, dass ich/man alles heilen kann. Ich sage nicht, dass die Schulmedizin immer nur unrecht hat. Zur Stabilisation, in Notfällen, in einzelnen Situationen und Momenten im Leben, mag es hilfreich sein Medikamente zu nehmen, in Therapie zu gehen. (Ich war 5, 6 Jahre lang in Therapie; Diagnose Anpassungsstörung und ich habe die Therapie beendet, als mich mein Psychiater küssen wollte – man sollte sich nicht an alle/s anpassen ).

Und wir sollten nicht vergessen, immer wieder neue Wege auszuprobieren, andere Möglichkeiten in Betracht ziehen, Heilmethoden einbeziehen, die sich ausserhalb der schulmedizinischen Möglichkeiten bewegen, uns aus dem engen Rahmen unseres Systems bewegen und schauen, welche Möglichkeiten es noch gibt (wenn nötig und möglich auch in Kombination mit der Schulmedizin). Möglichkeiten, die uns helfen uns selbst zu helfen, wieder mit der HeilerIn in uns selbst in Kontakt zu kommen, Methoden und Menschen kennen lernen, die uns befreien dürfen aus einem System, das seinen Beitrag leistet uns krank zu machen und uns nachher wieder zu heilen verspricht – damit wir wieder Teil von all dem werden können, dass uns einst krank gemacht hat.

Ich gebe nicht „dem System“ Schuld (ein System von dem wir alle immer Teil sind), ich sage nicht, dass alles schlecht ist, was uns die Schulmedizin bietet, ich sage nur, dass es wichtig ist, sich immer wieder zu öffnen, Altbekanntes zu hinterfragen, Pflanzen einzubeziehen, ganzheitliche Heilmethoden auszuprobieren – spielerisch, sanft sich selbst zu öffnen und weit zu werden, frei in der Entscheidung, welchen Weg wir wirklich gehen wollen.

Text: Zürich, Januar 2019
Foto: Ich, in schlaflosen Zeiten vor ein paar Jahren

 

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