Angst vor dem Leben

Heute schmerzt mich all das Ungesagte, Ungefühlte, das Nicht-Gelebte.

Jedes Gefühl, das ich je heruntergeschluckt habe, alle Worte, die ich aus Angst nicht ausgesprochen habe. Alle Dinge, die ich machen wollte, wagemutig-froh und sie dann dem Zweifel geopfert habe: Klappt ja eh nicht.

Heute schmerzt mich die Wut, der ich nie Raum gegeben habe. Die Traurigkeit, die ich zu unterdrücken gelernt habe – wie wir alle im Laufe der Jahre lernen und gelehrt wurden, nicht voll, nicht ganz, nicht mutig-frei (uns selbst) zu leben, so wie das Leben durch uns gelebt werden will.

Wir umgeben uns mit Halbwahrheiten, deuten an, ohne zu sagen, wie wir fühlen, ohne zu sagen, was wir uns wünschen oder wovor wir uns ängstigen.

Wir erlauben uns selbst nicht frei und ohne Vorurteile ganz und gar zu leben und neigen dann dazu den anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben. Ich darf halt nicht und wir können nicht und wenn dies und das anders wäre, dann.

Aber die Wahrheit ist: Wir sind meist zu feige. Hinzustehen und zu sagen, ja ich will oder: Ich kann nicht mehr. Zu sagen: Ich liebe dich trotz allem, oder: Es ist Zeit für mich zu gehen. Zu sagen: Das verletzt mich, oder: Ich bin glücklich.

Wir ärgern uns über etwas und noch bevor die Wut als Energie sich aus unserem System befreien könnte, mischt sich unser Verstand geschickt ein und hinterfragt und zweifelt: Aber wütend sein, das gehört sich nicht und vielleicht hat der andere ja Recht und wer vertraut schon einem Gefühl?

Wir hier sicher nicht, oder nur (noch) wenige – obwohl es auch wieder mehr werden, die die fühlen wollen.

Heute schmerzt mich das Ungesagte und das Ungelebte, es macht mich träge-schwer, denn ich weiss, wirklich müde sind wir selten, oftmals versteckt sich hinter der Müdigkeit ein Gefühl, das unterdrückt und unbefreit in uns seine Runden dreht.

Vor ein paar Tagen habe ich morgens auf mein Tram gewartet und der Tramfahrer hat mich im Regen stehen gelassen – Gottseidank! Denn etwas in mir wurde getriggert, so sehr, dass „es“ sich durch einen lauten Schrei – mitten in der Stadt – endlich Luft machen konnte. Der Verstand war zu spät mit seinen Argumenten und Bedenken: Schreien, mitten in der Stadt, was denken denn die anderen, was fällt dir ein? – Gottseidank! – denn durch die Befreiung der Wut, spürte ich eine Lebendigkeit, die ein Ausgeschlafensein weit übersteigt.

Heute schmerzt mich das Unausgesprochen-Ungefühlte in mir. Ich möchte noch viel mehr Schreien und Weinen und alles sagen dürfen ohne zu überlegen und gleichzeitig will ich die Stille erforschen, diese Stille, die sich erst zeigen kann, wenn wir das Leben fliessen lassen, innerlich und äusserlich, im Fluss bleiben und nicht stocksteif um den heissen Brei herumreden und den anderen Menschen und somit auch uns selbst nie wirklich begegnen.

Das Leben will gelebt werden, nicht gedacht, nicht überlegt, nicht zerlegt in ein Dafür und Dagegen, sondern erprobt, erfühlt, gewagt.

Es braucht Mut zu leben, jenseits der Kontrolle, der wir immer wieder verfallen, aus Angst vor dem, was sich unserer Kontrolle entzieht: Aus Angst vor dem Leben.

Bild: Deva Satpriya: Life is a fucking mess!!!

 

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