Stille Gespräche

Alles, was mit Worten gesagt werden kann, kann nicht wahr sein. Und je mehr wir sagen, desto mehr entfernen wir uns von dem, was nicht mit Worten ausgesprochen werden kann.
 
Ich habe schon immer darunter gelitten, unter der Sprache. Umso absurder, dass ich jetzt so viel schreibe 😉
 
Lange habe ich nicht geredet. Nie viel. Ich habe immer gefühlt, dass das, was ich sagen will, das, was ich fühlend (in mir) wahrnehme nicht mit Worten zugänglich gemacht werden kann. Also habe ich geschwiegen.
 
Später dann und immer noch manchmal habe ich viel geredet, mich zu erklären versucht. Vor allem in Beziehungen. Weisst du, verstehst du, siehst du nicht? Nein. Man kann sich nicht erklären, sich selten mit Worten verständlich machen. Weil der andere anders wahrnimmt, jeder für sich. Das trennt uns. Aber scheinbar nur. Denn es gibt etwas anderes, das uns verbindet. Jenseits der Worte. Obwohl auch Worte darauf hinweisen können, ohne zu erklären.
 
Im Osho-Ashram in Indien habe ich eine Meditation kennen gelernt, immer zu zweit. Die linke Handfläche zeigt nach oben, empfangend, die Rechte nach unten, gebend. So fanden die Hände vom Gegenüber in die meinen. So entstand Kommunikation. Ein stilles Gespräch, jenseits der Worte. Und in diesen kurzen Begegnungen habe ich „viel wahrgenommen“, vom Gegenüber und dadurch von mir selbst. Ein Gefühl, eine Farbe, ein Ach-ja. Ein erleichterndes Ausatmen und eine kurze Umarmung als Dankeschön.
 
Je komplexer die Erklärungen, je lauter die Worte, desto verzweifelter der Versuch etwas zu überbrücken, was mit blossen Worten nicht vollbracht werden kann.
 
Manchmal fühle ich Menschen im (Halb-)Schlaf. Plötzlich sind sie mir nah. Etwas in mir wird berührt, ohne dass sich die Körper nahe kommen. Und trotzdem ist auch körperliche Berührung wichtig, menschlich und Worte Teil unserer Kommunikation, ohne die ein Beisammen-sein, ein in Beziehung-Treten nicht möglich ist.
 
Aber die Stille, in der die „Seelen“ miteinander sprechen, ohne dass „wir“ es mitbekommen würden, die ist auch, parallel und gleichzeitig, immer und überall. Die einfachen und die wortlosen Worte, jenseits aller Erklärungen, die Gefühle und Energien, die wir austauschen, oft ohne es zu bemerken, diese „Worte“ sind genauso wichtig und richtig, jenseits von gut und schlecht.
 
In allen Augen, in die ich bisher geblickt habe, in allen Gesprächen überall auf der Erde, wo ich bisher war, entdecke ich das Gleiche. Den Wunsch nach Nähe, nach Bei- und Zusammensein. Manchmal drückt sich dieser Wunsch absurderweise durch den Drang nach Unabhängigkeit, durch übertriebene Freiheitsliebe aus, oder aber die Angst vor der ersehnten Nähe liegt leicht wie ein Nebel über dieser Sehnsucht. Dieser Sehnsucht nach Verständnis und Verbundenheit.
 
Die wir in uns selbst finden können. Um von diesem stillen Ort aus zu kommunizieren. Mit einfach Worten, mit stillen Worten und sanften Berührungen. Nicht vorschnell-besserwisserisch, sondern still und einfühlsam. Auch aufbrausend-leidenschaftlich. Aber immer ehrlich sanft. In Verbindung mit uns selbst und mit dem Gegenüber. Der wie wir selbst immer nur versucht sich verständlich zu machen, nahe zu kommen, ohne sich zu verlieren, sich zu verbinden, trotz der Angst vor der Selbstaufgabe, die wir alle in uns tragen.
 
Einfache Worte sind dem Mind oft zu einfach. Zu banal. Aber das Wichtige, das, was uns auf der Seele brennt, ist meist nicht komplex, scheinbar nur ist es viel, immer ist es einfach-leicht, bereit sich der Welt zu zeigen.
 
Text: Januar 2019
Bild: Sri Lanka 2018
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