BLIND

Ich sitze in meinem Zimmer, mein Ausbildungswochenende ist abgesagt; ich habe Zeit, viel Zeit für mich. Und ich freue mich.
 
Ich habe keine Angst, nicht um mich und noch nicht. Das ist so mit der Angst, man weiss nie wann und ob sie einen erwischt. Und ich will mich da nicht über andere stellen, die JETZT Angst haben.
 
Ich sorge mich um meine Mutter, die auch hustet. Und ein bisschen um unser Menschsein, das in „Krisenfällen“ selbst etwas kriselt.
 
Liebe macht blind, Angst auch. Blind für das Gegenüber und für das, was auch sonst auf der Welt ab- und schiefgeht. Aber wenn es uns nicht direkt betrifft, ist es fast so, als würde es nicht existieren. Kann man halt nichts dagegen tun, sagen wir dann. Ich auch ganz oft.
 
Milliarden werden momentan für Impfstoffe, für die Forschung ausgegeben, während Menschen auf der ganzen Welt verrecken, auch ganz nah, an der europäischen Grenze zum Beispiel.
 
Aber ganz nah ist eben nicht noch näher. Weit weg oder ganz nah ist eben nicht so nah wie der Coronavirus, der die Grenzen mühelos überquert und das ziemlich unkontrollierbar.
 
Da hilft kein Stacheldrahtzaun, keine Konzepte, keine Regeln. Das macht uns fassungslos und machtlos und es macht uns Angst, wenn es etwas gibt, das wir nicht kontrollieren können, wo sich doch bei uns so vieles um Kontrolle dreht.
 
Die Bus-Tickets werden kontrolliert und in welcher Farbe die Fassaden gestrichen werden. Natürlich macht da dieser Virus da Angst – ganz egal, ob das alles Inszenierung ist, Panikmache oder echte Bedrohung.
 
Jetzt kaufen wir Toilettenpapier. Wir haben einen hohen Lebensstandart. Wir wollen in Würde unsere tagtäglichen Geschäfte verrichten, auch in Krisenzeiten. Sollen Flüchtlinge doch wieder zurück, so schlimm kann es nicht sein, sagen wir und decken uns selbst mit Toilettenpapier ein.
 
Ich habe ein komisches Gefühl im Magen. Eine Mischung aus Unwohlsein, weil man nicht weiss, was auf uns zukommt, weil die Angst überall als Energie spürbar ist, weil ich glaube, dass viele Menschen zu vielem fähig wären, wenn sie dafür sich selbst „retten“ oder ihre persönliche Situation bessern könnten – und weil man weiss, wie viel Leid es auf der Welt gibt, auch ohne Corona.
 
Liebe macht blind, Angst macht blind und auch sonst sind wir ganz oft blind. Blind gegenüber dem, was ausserhalb unserer Grenzen abgeht. Blind auch gegenüber dem Leid in unserem engsten Umkreis, sind wir doch ziemlich weit oben in der Statistik der jährlich begangenen Selbstmorde und Psychopharmaka ist auch nichts seltenes, auch nicht in gehobenen Kreisen, in denen Geld kein Thema ist, nie.
 
Dieser Text hat kein Ziel, keine klare Aussage, ich habe keine abschliessende Meinung darüber, ob alles oder ein Teil nur Panik- und Geldmache der Pharmaindustrie ist, ich sage nicht, habt keine Angst und auch nicht spendet Geld für Flüchtlinge. Ich schreibe einfach auf, was mir durch den Kopf geht, während meiner „freien Tage“.
 
Vielleicht wünsche ich uns einfach etwas. Ich wünsche uns, dass wir unsere eigene Blindheit immer wieder erforschen mögen, dass wir wach bleiben. Ich wünsche uns, dass wir die Augen und unser Herz offen halten; in Krisenzeiten und in den guten Zeiten, für die Menschen in Krisengebieten und für die hier in unserer Wohlstandsgesellschaft, für uns selbst und für die, die uns nahe sind.
 
Ich wünsche uns allen gute Besserung, immer und überall und denen viel Kraft, die gerade in den Spitälern unter grossem Druck Hochleistungen erbringen. Gute Besserung für die Kranken und für die Traurigen, gute Besserung, liebe Welt. Bleibt gesund und wach, bleibt offen und mitfühlend und vergesst auch den Humor nicht.
 
Falls ich ganz hustenfrei bin, findet das Yoga mit Lia nächste Woche wie immer statt. Ich freue mich!
 
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