WEIBLICHE SEXUALITÄT

Heute schreibe ich über ein heikles Thema, über das Frau selten spricht – zumindest nicht mit Mann.

Nach vielen Gesprächen mit Frauen, bin ich davon überzeugt, dass sozusagen jede Frau zumindest einmal, meist mehrmals in ihrem Leben Sex hatte, ohne wirklich zu wollen. Der Körper sagt Nein, das Gefühl sagt Nein – und trotzdem. Tut man so als ob, sagt man Ja, wider jeglicher Intuition.

Dieses Nein ist nicht (immer) gegen den Mann oder die Beziehung gerichtet, manchmal nur gegen die Penetration, gegen das Eindringen und Übertreten der eigenen Grenzen, die Frau manchmal braucht, zum Beispiel aus einem Gefühl der Verletzlichkeit, aus dem Bedürfnis nach Schutz, Langsamkeit und Sanftheit.

Die Sexualität der Frau ist zyklischer Natur, wie der Mond nimmt sie zu, erreicht bei vielen um den Eisprung ihren Höhepunkt und nimmt dann wieder ab. Die Bedürfnisse ändern sich. Einmal ist es Nähe und sanfte Berührung, dann wieder wilder Sex.

Die meisten Männer wünschten sich vielleicht immer nur die Wildheit, immer nur das Ja. Und Frau hat schon früh gelernt, gut zu sein, nachgiebig, zu tun, was das Gegenüber will, um dadurch zu bekommen, was sie wünscht – und das ist oft die Liebe und Zuneigung; vom Vater (der Mutter) und dann später vom Partner.

Be a good girl. So erfährst du auch nie die Ablehnung, die du vielleicht bereits als Kind erfahren hast.

Natürlich ist das alles noch viel vielschichtiger. Frau lernt ihren Körper einzusetzen um den Mann zu manipulieren, mit ihm zu spielen, wie mit einer Marionette. Mein erster Kontakt mit Schamanismus war in den Bergen von Mexico. Eine kleine Frau ist mir auf dem Unterleib herum getreten und hat wild gefaucht, ich dürfe meinen Körper nicht dazu benutzen um zu bekommen, was ich will, um Männer zu manipulieren.

Dazu kommt, dass viele Frauen in irgend einem Aspekt von ihrem Wesen in Bezug auf Sexualität traumatisiert sind. Oft sind diese Anteile so abgekapselt, dass gerade die feinfühligen, traumatisierten Frauen, den verrücktesten Sex haben. Betrunken auf der Toilette vom Club, oder vor dem Club, halb bewusstlos mit einem Mann, den sie kaum kennen. Abgetrennt von ihrem Körper, den eigenen Bedürfnissen, dem Mond, der wilden Urkraft und der sanften Natur der Frau.

Mann bekommt oft nicht wirklich viel davon mit. Meine Freundin will immer Sex, hörte ich vor ein paar Tagen jemanden im Zug prahlen. Ganz bestimmt nicht, war meine spontane Reaktion. Aber das ist natürlich nur eine Behauptung.

Es ist vergleichsweise einfach, wilden, ungezwungenen Sex zu haben. Sich nicht wirklich einzulassen, auf sich selbst und auf das Gegenüber. Sich nicht wirklich zu spüren. Auch dort wo es weh tut, dort wo man verletzt wurde/ist, dort wo die Angst vor Nähe sitzt und gleichzeitig vor Verlust und die Scham und die Ablehnung sich selbst und anderen gegenüber. Es ist oft einfacher einfach Ja zu sagen.

Es ist oft einfacher einfach Ja zu sagen, anstatt auf das tiefliegende Gefühl im Bauch zu hören, auf die eigenen Bedürfnisse und somit sich selbst zu achten – und dadurch vielleicht Gefahr zu laufen vom Gegenüber abgelehnt zu werden.

Vor ein paar Tagen war ich in einer Körpersession bei einer guten Freundin. Was ich so schön fand? Diese Berührung, die nichts forderte, die nichts wollte.

Mann berührt und früher oder später will er. Das ist auch schön und nichts Verwerfliches daran. Ich bin eine Sonne, sagte mein Freund vor ein paar Tagen – zwar in einem anderen Kontext, trotzdem war das für mich ein schönes Bild, ein versöhnlicher Vergleich. Frau verlangt oft, dass Mann auch Mond ist, aber die Sonne, sie ist jeden Tag rund und prall und voll.

Was es braucht? Viel Kommunikation, viel Nähe, viel Mut, zu sprechen und zu berühren und berührt zu werden. Nicht nur körperlich.

Ich wünsche mir und dir den Mut JA zu sagen – auch zum NEIN.

…………………………..

In meinen Einzelsessions in Einbezug von Tarot, Körperarbeit, Berührung, Kunsttherapie und/oder Pflanzenmedizin biete ich Raum und Zeit zum Erforschen und Erfühlen der eigenen Grenzen und Bedürfnissen, Zeit zum Erfühlen von abgekapselten Aspekten, Trauma und von tiefliegenden Wünschen, die immer wieder von anderen und schlussendlich immer von uns selbst überhört und übergangen werden.

Daneben findet wöchentlich Yoga – mindfulness in motion in Kleingruppen statt, in denen die Beziehung zum eigenen Körper, unseren Gefühlen und Bedürfnissen erforscht und vertieft wird.

www.liabianchi.com
lbianchi000@gmail.com
076 393 93 28

 

 

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ETWAS WERDEN, JEMAND SEIN UND DAS GEFÜHL DER WERTLOSIGKEIT

Unser menschliches Dasein scheint immerzu dahin zu streben, etwas zu werden, um dann jemand zu sein; gut, schön, erfolgreich, erleuchtet, Arzt, Chefin von weissgottwas, Therapeutin, Spiritual Leader.
 
Kann dieses Streben etwas anderem entspringen als dem Gefühl der Wertlosigkeit, des (noch) nicht genügens, eines inneren, oft versteckten (Selbst-)Empfindens der Unvollkommenheit, das manchmal auch in Selbsthass umschlagen kann?
 
Es ist gewiss ein menschliches Bedürfnis zu lernen, sich zu entwickeln, nach „Höherem“ zu streben. Aber dieser natürliche Drang, dem auch etwas kindlich-neugieriges zugeschrieben werden könnte, wird schon früh genährt und gepusht in eine Richtung der Selbstoptimierung, die vor keinem menschlichen Aspekt Halt macht.
 
In der Schule sollen wir besser sein als alle anderen, im Beruf erfolgreich, gesundheitlich fit und schlank und schön und spirituell erleuchtet, erhaben, erwacht.
 
Business Coaching verspricht Erfolgskarriere; Spiritual Coaches reden von der Möglichkeit alles zu heilen und zu manifestieren, was wünschenswert ist.
 
Alle diese Strömungen, materiell oder spirituell, weisen in die Zukunft und sehr versteckt und vielleicht unbewusst darauf hin, dass so, wie das Leben und der Mensch jetzt gerade ist, (noch) nicht gut genug sind.
 
Und wir Menschen, mit unserem menschlichen Gefühl der Wertlosigkeit, das nie erwünscht und dadurch auch nicht gefühlt und erlöst wurde, wir versprechen uns selbst, „es“ nun endlich zu „schaffen“. Alle unsere dunklen Seiten zu erleuchten, unsere Defizite in Erfolg umzuwandeln. Und uns dadurch endlich wertvoll zu fühlen.
 
Gefühle wie Scham, Unsicherheit, Wertlosigkeit, Selbstablehnung … entstehen oft bereits in der Kindheit und bekommen auch im Erwachsenenalter nie den Raum und die Aufmerksamkeit, den sie – wie jedes Gefühl, das erscheint und wieder geht, wenn es gefühlt wird – brauchen würden, um zu heilen.
 
Wir wenden uns ab und dem zu, was uns eine Perfektion verspricht – eine Perfektion, die aber immer nur unvollkommen sein kann, weil sie „niedere“ Gefühle, wie Trauer, oder Hass ausschliesst, weg haben, transformieren will.
 
Aus Angst vor der Konfrontation, aus Angst vor dem Fühlen (und zuerst einmal dem ehrlichen Zugeständnis) ALLER Gefühle drehen wir uns unser ganzes Leben lang ein bisschen weg von uns selbst. Wir rennen und ver-suchen; Ablenkung, Heilung, Optimierung, Erfolg, Erleuchtung. Wir tun so als ob.
 
Auf unsere (kindlichen) Wunden und menschlichen Gefühle pflastern wir Coaching, Ablenkung, Karriere, Licht&Liebe, positives Denken und jede Menge Yoga.
 
Was mit der „Wunde“ und den ungefühlten Gefühlen passiert? Sie sind immer noch da, ob wir wollen oder nicht. Und sie suchen sich ihre eigenen Wege um Aufmerksamkeit zu erlangen. Manchmal durch körperliche Symptome, Erschöpfung, Schlaflosigkeit, Panik Attacken. Für die es wiederum tausende von Heilmethoden gibt.
 
Die nichts helfen, nie längerfristig, nie wirklich.
 
Wir drehen uns im Kreis, bis zu dem Punkt, an dem wir stehen bleiben und uns umdrehen, uns selbst, der Scham, der Angst, der Trauer, der Wertlosigkeit ins Gesicht sehen und fühlen. Auch wenn wir vielleicht glauben daran sterben zu müssen.
 
Das Göttliche wohnt nicht weit weg hinter den Wolken; hinter Angst und Trauer und dem Gefühl der Ungenügsamkeit warten wir geduldig darauf von uns selbst entdeckt zu werden.
 
(Das mit „Gott“ bleibt vorerst Gerücht – auch ich übe mich immer noch und immer wieder im Fühlen. Etwas, das wir verlernt oder nie gelernt haben. Wir denken Gefühle. Unterdrücken Gefühle. Wir transformieren Gefühle. Selten aber fühlen wir sie wirklich. Manchmal hilft Rückzug, manchmal brauchen wir Begleitung, helfende Hände, offene Ohren und weite Herzen. Yoga kann helfen, Pflanzenmedizin, Körper- oder Gesprächstherapie. Wenn sie uns dabei unterstützen uns umzudrehen und näher zu uns selbst zu rücken und nicht um etwas, das schon lange da ist weg- oder anders haben zu wollen.)
 
Text: Januar 2020
Bild: Oktober 2018 – Ich mit Selbstoptimierungsmaske 😉
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Danke

Morgen geht es zurück nach Zürich. Ich bedanke mich bei den Bergen, bei Rodels, diesem kleinen Ort im Graubünden, bei den Menschen, die hier meinen Weg gekreuzt haben, und beim „Hüüsli“, das mir immer wieder als Rückzugsort und als Zuhause dient.

Hier kann ich ankommen und loslassen. Alle Dramen, alle Verstrickungen, der ganze Mindfuck von „Warum und Wieso und was soll ich nur tun?“, rücken in den Hintergrund.

Hier kann ich atmen – und mehr noch gewahr sein, dass ich atme. Ich spüre an diesem Ort das Ja zum Leben wild durch meinen Körper pulsieren, die Kreativität, die sich in kleinen Feuern immer wieder neu entfacht und ich fühle die Liebe zu den Bergen, zur Natur, zu den Bäumen und zu den Tieren, die alle immer zu uns sprechen, auch wenn wir nur selten hinhören.

Bis bald!

 

Weniger Wollen – Wünsche für das neue Jahr

Ich sitze in einem kleinen Haus in den Bergen im Graubünden. Der Schaukelstuhl schaukelt und ich starre ins Feuer, das sich bewegt, erglühlt, Holzscheit um Holzscheit verschlingt und dann vergeht. Übrig bleibt wohlige Wärme.

Ruhe kehrt ein.

Und trotzdem, wie ein unliebsamer Gast macht sich diese eine Energie bemerkbar, die ich nur zu gut kenne. Ein Zerren, und Reissen, eine unruhige Bewegung im Körper und im Gemüt.

Das Wollen. Feurig rot zieht es an mir, immer nach vorne, fort von mir selbst.

Hier in den Bergen, isoliert vom Grosstadtgewimmel lässt sie sich klarer erkennen, diese Energie, ich fühle sie in ihrer Kraft, in ihrer Unruhe, in ihrer Zerrissenheit und auch in ihrer Schönheit, die jede Energie, jedes Gefühl in sich trägt.

Ich muss ein wenig lachen – denn hier scheint sie fast ein bisschen verloren, hat weniger Möglichkeiten Fuss zu fassen und sich auszubreiten, Raum einzunehmen. Ich lese ein paar Seiten, ich koche, tanze, esse – und setzte mich wieder hin.

Nothing to do.

In Zürich herrscht jetzt reges Treiben, denke ich mir.

Und in diesem Treiben treiben wir mit, wie in einem Fluss, der uns mitreisst und zerreisst, wir rennen und denken, erledigen, reden und – wollen. Wir wollen meistens viel zu viel. Zu viel von allem und alles bitte anders als es jetzt gerade ist.

Unser Wollen reisst uns weg vom jetzigen Moment, von uns selbst, vom Leben, es katapultiert in die Zukunft, die wir anders haben wollen als die Vergangenheit und nicht so, wie die Gegenwart, diese kleine, feine Öffnung, die „entsteht“, dann wenn wir atmen, ein und aus.

Was wünschst du dir für das neue Jahr?, frage ich mich und dich.

Ganz, ganz vieles, antwortet es schnell. Und danach: gerne ein bisschen weniger. Ein bisschen weniger Wollen, wünschte ich mir und uns.

Der (spirituelle) Markt boomt, die Versprechen dies und das zu heilen und alles zu manifestieren, was wir uns vorstellen können, wachsen, wuchern, überrennen uns.

Er zerrt an uns, dieser Wunsch nach dem anderen.

Und es ist ein guter Wunsch. Der aber vielleicht nur „passieren“ kann, wenn wir weniger wollen und nah, ganz nah zu uns selbst rücken, in uns selbst und in den jetzigen Moment rutschen, mit all seinen Unnanehmlichkeiten und Schönheiten und von diesem Ort der Stille uns dem Leben öffnen, das uns trägt, dorthin, wo wir zu Hause sind – dahin wo wir immer schon hinwollten.

 

 

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Wandel

Alles wandelt sich stetig. Der Wandel ist das einzig Beständige in unserem Leben. Und alle einzelnen Teile des Lebens hängen zusammen und beeinflussen sich gegenseitig.
 
Das Innere der Erde bewegt sich und beeinflusst somit die Erdoberfläche, die Erdkruste, die Kontintentalplatten werden durch die Bewegung im Innern in Gang gesetzt, was wiederum die Natur und die Menschen dazu zwingt sich zu bewegen, sich zu verändern und sich neu anzupassen.
 
Alles Leben ist diesem ewigen Kreislauf der Bewegung unterworfen, alles ist in einem ständigen Prozess, verändert, erneuert sich, stirbt, geht, kommt wieder. Nichts hat Bestand, nichts bleibt, wie es einmal war.
 
Wir Menschen wünschen uns Sicherheit, Beständigkeit und Kontrolle. Wir haben begonnen die Natur und alle Aspekte des Lebens zu kontrollieren, unsere Wohn- und Arbeitsverhältnisse, Essgewohnheiten, unseren Körper, unsere Mitmenschen, unsere Beziehungen. Wir haben den Wunsch uns einzurichten, niederzulassen, eine Sicherheit zu erlangen, die immer nur eine Illusion sein kann.
 
Unsere Gesellschaft ist auf diesem Prinzip aufgebaut. Eine Arbeit erlangen, eine Familie gründen, ein Haus bauen. Ähnliche Abläufe, die immer gleiche Arbeit, die gleichen Menschen, ähnliche Gespräche.
 
Das Leben will fliessen, die Seele will sich wandeln, das ist der natürliche Prozess des Lebens – dem wir uns immer wieder zu widersetzen versuchen. Indem wir in schwierigen, unbefriedigenden Situationen verharren. Indem wir versuchen ein Arbeitsverhältnis aufrechterhalten, das uns nicht zufriedenstellt, uns aber eine Scheinsicherheit vermittelt. Indem wir versuchen an einer Beziehung festzuhalten, einen Menschen halten wollen und unsere eigene Veränderung und den Wandel der anderen Person ignorieren und anzuhalten versuchen.
 
Das Leben kann nur fruchtbar, zufriedenstellend, bereichernd sein, wenn wir uns nicht gegen den Wandel stellen. Wenn wir lernen auf uns selbst zu hören, auf unsere Bedürfnisse, auf unseren Wunsch weiterzugehen, uns zu verändern. Eine Beziehung kann nur funktionieren, wenn man gemeinsam mit dem Strom fliesst, sich dem Wandel ergibt, mit der Veränderung mitgeht, wenn man die eigenen Veränderungen und die des anderen akzeptiert und unterstützt.
 
Der Wandel ist das einzig Beständige in unserem Leben. Wir dürfen uns nicht gegen ihn stellen, sonst bleiben wir selbst stehen.
 
Wir fürchten uns vor dem Wandel. Denn nichts ist so absolut, so notwendig und unumgänglich – nichts ist so wunderbar und bereichernd und gleichzeitig doch so schmerzhaft wie der Wandel.
 
Text: 2015, für mich & dich und für Mirjam ❤
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Ich bin dagegen

Ich bin seit einem guten Jahr wieder in der Schweiz und wieder machen sich die gleichen Widerstände in mir bemerkbar. Ich will mich nicht beklagen – naja, ein bisschen vielleicht doch 😉

Ich weiss, wir können dankbar sein. Für so vieles. Für das Dach über unserem Kopf, für die Sauberkeit, für unser Gesundheitssystem (obwohl ich Leute kenne, die sich keinen Arzt leisten können, weil sie die Franchise auf 2500.- haben und wenn die Franchise tiefer ist, können Sie sich den monatlichen Beitrag nich leisten. Ja, bei uns in der Schweiz).

Ich war in armen Regionen auf dieser Welt; in Südamerika, Mexiko und auch in Indien. Ich weiss, wir können dankbar sein, für so vieles. Aber ich glaube auch, dass diese Dankbarkeit, die wir fast schon haben müssen (man kann es manchmal auch schlechtes Gewissen nennen, weil es uns zu gut geht) uns davon abhält, mehr zu wollen, über unsere Grenzen zu gehen, uns davon abhält zu träumen.

Zu viel Dankbarkeit, unterdrückt unsere Wut, die auch Kraft ist, für das einzustehen, was wir fühlen und wollen und uns (für uns und für die Welt) wünschen.

Nur weil es anderen auf der Welt schlechter geht als uns, heisst es nicht, dass wir mit allem, was wir haben und mit dem, wie wir leben zufrieden sein müssen. Und nur weil wir vielleicht keinen konkreten Plan oder Konzept haben, wie es besser sein könnte, heisst es nicht, dass wir uns mit dem, was ist immer nur zufrieden geben sollten.

Ich war in einer sehr armen Region in Indien. Eine Frau, abgemagert bis auf die Knochen, sass jeden Tag vor ihrer Hütte. Wenn ich vorbei lief hat sie die Hände vor die Brust zum Gruss gelegt und mich lächelnd angeschaut. Namaste. Nie hat sie mich um Geld angebettelt. Und obwohl sie bettelarm war, habe ich etwas in ihren Augen gesehen, dass die Gesichter der Schweiz viel zu oft vermissen lassen. Liebe. Zufriedenheit. Güte. Nur weil wir hier so viel haben, heisst es nicht, dass wir alle glücklich sind.

Die Pharmaindustrie boomt, Menschen nehmen Psychopharmaka als wären es Bonbons. Alkoholismus, Drogen sind weit verbreitet. Und auch hier greift die Gesundheitsindustrie, die mit teuren Medikamenten helfen soll. Ayahuasca, das in Südamerika in speziellen Kliniken gegen Drogensucht sehr erfolgreich eingesetzt wird, gilt hier als verboten. Es bringt keinen Gewinn.

Menschen, die keinen Gewinn bringen gehen unter. Alles wird optimiert und vermarktet. Wer sich eingliedert, wer arbeitet, fünf Tage die Woche, kann hier gut leben. Aber was ist mit den Menschen, die nicht fünf Tage arbeiten wollen, für Geld, dass sie für Haus und für ein paar Wochen Ferien im Jahr ausgeben, weil für etwas anderes keine Zeit und keine Energie bleibt? Was ist mit den Menschen, die noch träumen von einem selbstbestimmten, unabhängigen Leben? Wo ist ihr Platz?

Wie viel kannst du verdrängen, ohne dass du dich vergisst? Spürst du dich, das was schmerzt und die Freude, die dich über den grauen Alltag hinaus tragen kann? Träumst du noch, oder schläfst du einfach die ganze Zeit. Bis es vorbei ist. Schneller als erwartet.

Wer von euch kann wütend sein? Wir waren so lange angenehm ruhig und einfach zu händigen, domestiziert und angepasst.

Heute fällt es mir schwer dankbar zu sein. Alle sollen wir immer dankbar sein. Die Ausländer, die für 17.- die Stunde hier arbeiten, obwohl kein Schweizer eine solche Arbeit je machen würde. Sei dankbar! Dankbar für die Wohnungen, die so teuer sind, dass manche aus der Stadt wegziehen müssen.

Ja, ich bin auch dankbar, dankbar für den Wald, der mich zur Stille lädt. Für manch guten Freund, der mir die Hand hält. Für meinen Freund, der das Stück Weg im Moment mit mir geht, auch wenn er in den acht, neun Monaten graue Haare bekommen hat.

Ich bin dankbar, wenn ich meine eigenen Sessions machen kann, Karten legen, Yoga unterrichten, mich einem Gegenüber öffnen und dem, was sich zeigen will Platz geben darf. Dann wird etwas in mir still.

Ich bin auch dankbar für meine Wohnung und auch für meinen Job.

Aber ich bin auch dagegen, gegen so einiges, dass ich hier beobachte, spüre, fühle, erlebe.

So ist das mit mir. Nicht immer einfach. Auch für mich nicht. Aber trotzdem bin ich dankbar für meinen Weg, der nicht immer nur geradlinig war, selten einfach angepasst und konform, aber bunt und wild und lebendig. Und anstrengend.

Heute bin ich müde.

Gute Nacht, liebe Piraten und Piratinnen.

 

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Berge werden versetzt

lange haben wir unter der erde gelebt

unter dem schutzmantel der scham, in der dunkelheit der angst, haben wir unsere münder verschlossen, nichts gesagt und nur alleine geweint, dann wenn uns niemand sehen konnte

wir haben unseren blick gesenkt und kaum merklich genickt; alles ist gut, sagten wir wie zu uns selbst

es gibt nichts zu tun, die zeit regelt und ändert sich stetig und die erde, die uns einst bedeckte und scheinbar schutz bot – sie bebt

unmerklich erst und doch unaufhaltsam versetzen sich berge, werden flüsse überschwemmt

seen ungeweinter tränen und ganze schwälle ungesagter worte schwappen über mauern, die wir einst erbauten in der dunkelheit der unwissenheit über das, was wir tatsächlich sind

hab keine angst, flüstert die nacht

du brauchst nichts zu tun

nur zu atmen

 

die erde, die dich einst bedeckte, sie bebt

und langsam aber stetig werden berge versetzt

und flüsse überborden die grenzen, die sie und du dir einst gesetzt

aus der scham, in der dunkelheit der angst, werden wir neu geboren

 

in ein, zwei jahren

heute und morgen

und immer jetzt

 

hab keine angst

dann, wenn die erde bebt

 

berge werden versetzt

und die flüsse

und dein atem

sie weisen dir den weg

 

 

 

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Ein volles Leben, ein freies Leben

Wir sind nicht so mächtig, wie wir glauben. Wir können und sollten unser Bestes tun, nichts unversucht lassen, um das Leben zu leben, das wir uns wünschen. Wir sollten alles versuchen, gegen Krankheiten anzukämpfen, Liebeskummer zu beschwichtigen, Unfällen vorzubeugen und das Glück einzuladen.
Aber was passieren wird, wird passieren.
Wir sind nicht so machtvoll, wie wir glauben.
Das Leben lehrt uns Demut, mit allem, was uns passiert und nicht passiert. Und wenn wir übermütig werden, in unserem Spiel um Macht, Geld und Menschen-Leben, dann erinnert das Leben uns sanft-lächelnd wieder daran, wo der Boden unter unseren Füssen ist, dann bringt es uns an diesen stillen Ort in uns zurück, dort wo wir nur atmen können – und das ist manchmal schon eine grosse Leistung.
Wir wissen so viel und wir glauben, wir hätten das Leben im Griff.
Wir glauben tatsächlich, dass wir es sind, die tun und entscheiden und das Leben lenken. Und auf einer gewissen Ebene können wir das auch, da ist Manifestation möglich, der grosse Traum vom grossen Glück.
Aber das, was passieren wird, wird passieren – und alles andere nicht.
Wir entscheiden nicht, ob ein Mensch stirbt, ob ein Kind geboren wird, ob eine Beziehung hält, oder das Leben, das wir uns wünschen, so in der Form möglich sein wird. Wir wollen verstehen und kontrollieren – uns und die anderen. Wir wünschen uns so sehr, dass wir das Leben im Griff haben – und nicht umgekehrt.
Ich habe Menschen getroffen, die wurden durch Ayahuasca von Krebs geheilt, ich habe von Menschen gehört, die durch Marihuana gesund wurden. Und manche sind trotzdem gestorben, an Krebs, durch eine Krankheit oder durch einen Unfall – obwohl alles unternommen wurde, „das Schlimmste“ zu vermeiden.
Wir wollen das Schlimmste vermeiden und das Schönste besitzen und leben und behalten.
Aber was, wenn das Schlimmste gar nicht das Schlimmste ist, sondern auch einfach Leben?
Heute kam die Traurigkeit bei mir zu Besuch, mit dem Regen fand sie ihren Weg in mein Zimmer und in mein Herz; namenlos und ohne Gesicht erzählte sie mir tausendundeine Geschichte, die passiert sind und passieren werden, immer wieder, mir und dir.
Wir leben in einer zerbrechlichen Zeit, vieles bricht auf, geht vorbei um in neuer Form wieder zu kommen. Viele Menschen sterben, werden krank, gehen uns scheinbar für immer verloren.
Ich glaube es braucht uns Menschen, die im Schlimmsten nicht nur das Schlimmste sehen und auch der Traurigkeit mit ihren zahllosen Gesichtern ihre Türen öffnen und den Schmerz fühlen, der nie nur der ihrige ist, sondern immer auch der Schmerz der Welt, die sich immer wieder neu wandelt, stirbt und neugeboren wird.
Das Leben will gefühlt werden, erfahren, gelebt und nicht verstanden, kontrolliert und domestiziert. Auch, aber nicht nur. Nicht nur.
Und wenn wir uns öffnen, allem, was sich uns zeigen will, jeder Erfahrung und den damit verbundenen Gefühlen, dem Leben, das immer auch den Tod in sich trägt, der Freude, die gleichzeitig immer die Traurigkeit an der Hand hält, dann leben wir ein volles Leben, ein ehrliches Leben.
Und vielleicht lernen wir dann unser Glück nicht nur im Schönsten zu finden und dem Schlimmsten nicht immer aus dem Weg gehen zu wollen. Dann leben wir ein volles Leben, ein freies Leben, das Leben Gottes, der erschafft und zerstört, im unendlichen Spiel des Lebens.
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Vertrauen

Die Wahrheit ist, wir können nichts wissen.
 
Wir wissen nicht, was morgen sein wird und manchmal, da treffen wir Entscheidungen, die sich heute richtig anfühlen und morgen schon nicht mehr stimmig sind. Alles ist in stetigem Wandel, ändert sich fliessend und alle Theorie, alle Konzepte, immer dann, wenn wir sagen; jetzt weiss ich, jetzt verstehe ich!, sind immer viel zu starr, als dass sie mit dem Fluss des Lebens mithalten könnten.
 
Die Wahrheit ist, wir wissen nichts und die Kontrolle und die Sicherheit – ach! welch kindlich-ängstliche Sehnsucht sich etwas zu bemächtigen, etwas kontrollieren zu wollen, was seinen eigenen Zeiten, Abläufen, Regeln folgt, die wir manchmal vielleicht erfühlen, aber niemals wirklich ganz erfassen können.
 
Wir können spielen mit dem Leben, aber alle Kämpfe werden wir verlieren. Wir können uns einlassen auf das Leben, unschuldig, neugierig-offen, aber niemals sollten wir uns anmassen das Zepter an uns reissen zu wollen und zu regieren, was sich unserer Macht entzieht.
 
Das heisst nicht, dass wir nicht träumen sollten, dass wir keine Ziele haben dürfen. Wie meine indische Lehrerin mir geraten hat: Fokussiere deine Aufmerksamkeit auf das, was du willst, auf das was du leben möchtest und gleichzeitig lass los – surrender – gib dich hin und öffne dich dem wilden, ungestümen Leben, das sich schlussendlich immer unserer Kontrolle entziehen wird.
 
Wie oft hadern wir mit dem was ist?
 
Das Leben schenkt uns einen Moment und wir sagen ganz oft nein dazu. Ich will es aber anders haben!
 
Ja zu sagen bedeutet Entspannung, bedeutet loszulassen von dem Gedanken, dass es anders besser wäre. Ja zu sagen zur Unsicherheit und zum Chaos, zu der Angst und zum Schmerz bedeutet auch die Freude einzuladen und dem Leben die Möglichkeit zu geben uns das zu schenken, was wir mit verbissen-verschlossenen Mündern und Händen immer fort von uns weisen.
 
Ja zu sagen bedeutet zu vertrauen und dieses Vertrauen führt uns nah zu uns selbst, in uns selbst, zu diesem Ort wo wir den Atem spüren und eins werden können mit dem einen Moment, der das Leben ist.
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ALLEN DENEN DAS LEBEN GEHÖRT GRATULIERE ICH VON HERZEN

Ich bin auf diesen Berg gestiegen, nicht alleine, aber doch sehr mit mir. Obwohl es kein Berg war, kein Hügel, sondern ein Vulkanherz. Der Vulkan sei verschwunden, im Laufe der Zeit immer kleiner und kleiner geworden und habe sein Herz zurück gelassen. Einfach so.
 
Ich empfand es als Geschenk.
 
Auch wir lassen unser Herz zurück, manchmal, aber selten als Gabe für unsere Nächsten. Wir lassen es einfach liegen, auf halber Strecke, im Tram oder an der Kasse in der Migros. Dann gehen wir weiter und plötzlich fällt uns ein, dass wir es liegen gelassen haben, irgendwo. Wenn wir einen Sternenhimmel betrachten, oder die blattlosen Bäume im Wald fällt es uns auf, denn man sieht nur mit dem Herzen gut. Sagt man. Das ist Blödsinn, obwohl es stimmt.
 
Ich bin auf dem Vulkanherzen herumgeklettert, nur zum Spass, eigentlich wollte ich schlafen gehen, mich ausruhen, alleine sein und dann bin ich trotzdem mit, vielleicht ihm zu liebe, oder um ihm zu gefallen. Auf dem Vulkanherzen habe ich mein eigenes Herz laut schlagen gehört. Ich habe es wieder gefunden, am Vorabend schon – Gott sei dank. Obwohl ich es nicht gefunden habe, es ist zurückgekehrt, einfach so, ohne, dass ich etwas versprechen musste, das ich dann vielleicht doch nicht halten kann. Aber ich habe es mir fest vorgenommen.
 
Wir sind bis auf den höchsten Punkt geklettert, ich war gar nicht mal so müde, obwohl ich schlafen wollte, vorher. Dann sind wir zurück und dann noch einmal hochgestiegen. Das Vulkanherz hat uns gerufen und man wird selten von einem Steinherzen eingeladen.
 
Auf halber Strecke haben wir uns hingelegt. „Sich hinlegen, sich auf einem fremden Herzen ausruhen?“, habe ich mich gefragt, mich aber dann doch hingelegt, der Länge nach ausgestreckt. Wir sind lange geblieben, bis die Sonne verschwand und der Regen kam.
 
Ich habe geweint, der Regen hat mich getarnt so gut es ging. Ich war nicht traurig, obwohl ich mir nicht ganz sicher war. Mein Herz konnte mir keine klare Antwort geben. Solange dir das Leben gehört, spielt das keine Rolle, hat es mir gesagt.
 
Bild und Text: Mexico 2014
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