Ein Wald voller Bäume

 

Geschichten in Gedanken, Gedanken in Geschichten; Erzählungen über sie und mich, über dich und ihn; Geschichten, erlogen und doch so wahr – die erfundene Wahrheit, die hinter den Worten liegt, irgendwo, versteckt im zeitlosen Nichtraum, zu dem nur die geschriebenen Worte Zugang verschaffen.

 

 

Wald (Einleitung)

Es ist einfach viel, pflegt sie zu antworten, wenn man fragt, wie es ihr geht.

Nicht schlecht, nein, nur viel; rot-voll und prall ist das Leben, rund und bunt die Welt.

Und wenn sie sich für etwas entscheiden soll, dann kann man lange auf eine Antwort warten. Besser man wartet nicht. Ich will viel, antwortet sie, wenn man sich trotzdem eine klare Entscheidung erhofft. Nicht nur das eine oder das andere. Mich interessiert das Verbindende, nicht das Einzelne als abgetrenntes Fragment, sondern die Kombination vom Verschiedenen, das zu einem neuen Ganzen gefügt, wieder aufgelöst, verändert, neu kombiniert werden kann. Alles ist mir wichtig. Und über alles will ich schreiben.

Mich festlegen?, nicht mit mir, sie verschränkt ihre Arme, schüttelt den Kopf, im Takt zur Musik.

Sie sagt: Immer schon empfand ich eine Vielzahl in mir, ein Meer von Gedanken, Gefühlen, Ideen und Interessen, die wiederum ihren Ausdruck in verschiedenen Bereichen wünschen. Kunst und Yoga und Schamanismus und Reisen und immer wieder zurück kehren. Hierhin. Um wieder dahin gehen zu können.

Sie geht langsam, durch den Wald, der Schlamm klebt an ihren Schuhen. Flink geht sie dann, bald schnell duckt sie sich, geht tief. Sie hebt etwas auf, wirft es weg, bückt sich abermals. Ein Ding, sieh hin!, sie lacht, steckt sich „Was-auch-immer“ in die Jackentaschen, die sich beulen, zu platzen scheinen, sie rundlich machen; formlos schwer und doch leichtfüssig geht sie weiter.

Was ich suche? Ich suche nicht, ich will finden und trotzdem weitergehen, beweglich bleiben, finden, um wieder loszulassen und ich will schreiben, über dies, über das, über dich und über mich, über das Leben, über die Liebe, über den Wald und über die Menschen. Wenn ich schreibe wird sie zu ich und ich bin du, schreibend ist er sie und dann doch wieder der andere, manchmal und immer wieder anders.

Sie lacht. Oder weint sie?

Ich mag Worte nicht, die nur andeuten, was nicht mit Worten gesagt werden kann, sagte sie einmal. Aber trotzdem kann ich nicht von ihnen lassen, von den Worten. Ich liebe sie viel zu sehr.

 

 

(Bäume)

1

Wenn ich eine Pflanze wäre! Sie lacht, zu laut; leise ist sie nie, auch wenn sie noch nie viel geredet hat.

Wenn ich eine Pflanze wäre, sage ich laut und hole tief Luft. Er lacht, verlegen dreht er den Kopf weg, heftet angestrengt seinen Blick an die gegenüberliegende Strassenseite.

Und ich gehe weiter.

Schritt für Schritt laufe ich langsam und dann immer schneller, irgendwohin, weg von dem, was war und trotzdem; ankommen war nie mein Ziel. Ich drehe mich gerne im Kreis, bis mir schwindelig wird, sammle ich wiederholt Eindrücke, dann und wann erneuere ich sie durch gegenteilige Ansichten, widerspreche mir gerne selbst und falle anderen ins Wort.

Wenn ich eine Pflanze wäre, wiederhole ich leise, rümpfte meine Nase, runzle die Stirn. Das gibt Falten, pflegte meine Grossmutter zu sagen; ihr Gesicht so zerfurcht und doch so unglaublich schön war sie.

Fein- und mehrgliedrig wäre ich, nicht stark verwurzelt, aber verbunden in die höchsten Höhen; ich schwebe gerne, lasse mich nicht ein, entziehe mich, nur widerwillig nehme ich meinen Körper wahr, wie er hier wandert auf dieser Erde, immer einen Schritt hinkt er dem, was möglich ist hinterher.

Nur mit ihm bin ich gerne Körper, er ist Körpermensch, hier und jetzt erinnert er mich an meine eigene Menschlichkeit, obwohl ich doch viel lieber Baum wäre, in einem Wald voller Bäume.

 

 

2

Er will, dass du dich entscheidest, sagt sie lächelnd. Du willst, dass ich mich entscheide. Sie wollen, dass wir uns entscheiden. Ich will mich nicht entscheiden.

Immer müssen wir uns entscheiden. Für dies und jenes. Was wir wollen, wohin wir gehen.

Entscheide dich endlich, sagen sie auch zu mir, immer wieder. Sich entscheiden, setzt voraus, zu wissen, wer man ist. Ich lerne mich immer wieder neu kennen, die Beziehung zu mir selbst steckt noch in den Kinderschuhen – ob das eine gute Basis für eine Entscheidung ist?

Ich habe mich entschieden mich nicht zu entscheiden, so lange wie es geht, vielleicht für immer, aber es wird sich zeigen, ob das möglich ist. Ich habe gelernt, dass man meist mehr ist, als man denkt und immer wieder eine andere, heute schon nicht mehr wie gestern und manchmal sogar so, wie man es sich nie hätte vorstellen können.

Du musst dich entscheiden, sagen sie trotzdem. Man kann sich selbst auch treu sein, wenn man viele bleibt, habe ich versucht mich zu rechtfertigen, aber ich wusste, sie kommen wieder, die Fragen; was tust du, was willst du eigentlich?

Wer bin ich denn zu sagen, was ich will, wenn ich nicht einmal genau erklären kann, was ich tue, jetzt gerade? Was ich machen will morgen und später, daran mag ich gar nicht denken. Obwohl ich weiss, was ich will, irgendwo, irgendwie sind die Dinge klar und deutlich, aber nicht fassbar und nicht so, dass ich sie präsentieren könnte, als Lösung, als Plan, manchmal nicht einmal als vage Idee.

Toll, dass ihr wisst, was ihr wollt, grossartig, wirklich! Eure Schritte wirken selbstsicher, die Richtung ist die richtige, gewiss. Ich kann mich nicht entscheiden, nein. Es gibt Berge und Meere, Wiesen und grosse Städte, es gibt Männer und Frauen und noch mehr Kinder.

Ich will mich gar nicht entscheiden, so, jetzt ist es raus!

Ich will mich nicht entscheiden, wo es doch so vieles gibt, alles und noch viel mehr und vielleicht doch nichts, ganz gewiss aber gibt es nichts zu entscheiden, nicht für mich und nicht für dich, die viele sind und noch mehr sein wollen und vielleicht alles haben können. Das tönt anmassend und nimmersatt, ich mag uns auch nicht, wenn ich das so lese, aber die Idee gefällt mir trotzdem ganz gut, deshalb bleibe ich unentschieden, unbestimmt, eine vage Idee, die mich morgen schon in eine andere Richtung lenken kann.